Midcomfort?

Midcomfort ist die Wiederentdeckung einer Strömung des 20. Jahrhunderts: der Reformarchitektur. Gleichzeitig ist Midcomfort eine Absage an die übermäßig gefeierte Avantgarde mit ihrer zum Teil unreflektierten Fortschrittsgläubigkeit. Jenseits der papierraschelnden Ideologie des forciert Neuen schöpft Midcomfort aus der reichen Tradition des wohnlichen Bauens und stellt die Bedürfnisse und Wünsche realer Nutzer in den Fokus der Gestaltung. Die Grundregeln eines Bauens, das Bestand hat und auch nach Jahrzehnten noch funktioniert, werden als Perspektive für eine zukunftsfähige Wohnarchitektur propagiert. Anhand von historischen und zeitgenössischen Beispielen wird gezeigt, dass eine langsame, kontinuierliche Entwicklung zu gestalterisch und funktional dauerhaften Wohnbauten auf höchstem Niveau führen kann.

Midcomfort ist Arbeitsmittel und Manifest zugleich: Zum Einen stellt Midcomfort ein Analyse- und  Hilfsmittel für die Praxis des Wohnungsbaus dar; gleichzeitig wagt es den Versuch, eine architektonische Haltung zu definieren. Ausgangspunkt ist dabei eine kritische, praxisbezogene Begutachtung des zeitgenössischen Wohnungsbaus. Das Referenzsystem der Untersuchung findet sich in der intellektuellen Tradition der verschiedenen Reformbewegungen der Moderne. Die analytische Betrachtung architekturgeschichtlicher Referenzen und eine gut belegte Annahme vom Wert der Kontinuität und Dauerhaftigkeit ergänzen sich dabei. Dazu kommt das Bemühen um ein vertieftes Verständnis für die heutigen Bedürfnisse und Anforderungen im Wohnungsbau. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den einfachen und ganz offensichtlich von der Moderne nur mangelhaft erfüllten Wünsche und Sehnsüchte der verschiedensten Bevölkerungsschichten, der architektonischen Laien. So entsteht ein Gedankengebäude, das zu einer altneuen Idee vom Wohnungsbau führt. Hintergrund jeder theoretischen Annahme bildet dabei aber immer die Praxis des Wohnungsbaus in der Gegenwart und Vergangenheit; und so liest sich Midcomfort jederzeit leicht verständlich und praxisbezogen. Es vermag als Lesebuch über Architektur für Laien ebenso wie als Rat- und Impulsgeber in der Berufsausübung zu dienen.

Als Neologismus aus Middle und Comfort verweist der Begriff Midcomfort auf verschiedene Aspekte der Untersuchung. Das erste „Mitte“ grenzt das architektonische Segment ein, das untersucht wird: Wohnungsbau für den „Mittelstand“ – auch wenn klar ist, dass dieser soziologische Begriff zunehmend unscharf wird. Durch Analysen und bewertete Vergleiche verschiedener Wohnungsbauten werden innerhalb dieses Segmentes Aussagen zum erzielten Wohnkomfort getroffen. Dabei steht das Verhältnis von eingesetzten Mitteln und erzieltem „Komfortertrag“ im Mittelpunkt; das heisst, es wird nach neuralgischen Stellen im Wohnungsbau gesucht, an denen die optimale Hebelwirkung finanzieller Mittel erzielt wird. Dabei wird immer wieder die Seite gewechselt: Nicht nur der Blick des Architekten, sondern auch derjenige des Benutzers wird gesucht und bewertet. Zu Standards geronne Entwurfslösungen sowie modische Manierismen werden dabei kritisch hinterfragt. Ohne stilistische Vorlieben zu bewerten, werden neuartige und konventionelle verglichen und fachmännische Vorlieben mit denen von Laien kontrastiert.

Architektur soll wieder für breite Bevölkerungsschichten verständlich werden; dies nicht nur im Gebrauch, also im Innern der eigenen Wohnung, sondern auch im Äusseren, also im Stadtbild. Zieht man einen Vergleich zur Musiktheorie bei, soll der Unterschied zwischen E- und U-Musik überwunden werden. Denn was in der Musik niemanden nachhaltig zu stören vermag – kann man doch einfach wegschalten – ist in der Architektur verhängnisvoll: der gebauten Umwelt kann sich niemand entziehen. Weder kann der Architekturkenner die Zerstörung seiner Lebenswelt durch eine immer anspruchsloser werdende Architekturproduktion übersehen, noch findet der Laie immer Zugang zu den in Fachkreisen geschätzten Architekturen.Neben diesem soziologischen Mittelsegment meint Midcomfort aber auch eine Einmittung im architektonischen und stilistischen Sinn – gemäss der Überzeugung, dass Komfort im Wohnungsbau sich am nachhaltigsten und allgemeingültigsten in einer Mischung von Alt und Neu sowie Luxus und Askese, also einer sorgfältig abgeschmeckten Mischung von traditionellen Werten und innovativen Konzepten einstellt. Midcomfort behauptet weiter, dass dies nicht nur in funktionaler, sondern auch in stilistisch-architektonischer Hinsicht gilt. Die vorderste Front der architektonischen Entwicklung wird dabei als das angesehen, was sie per definitionem darstellt: ein Experimentierfeld von Architekten für Fachleute, also für den Ruhm, das Prestige und allenfalls das Interesse der Nachwelt an Kuriosa. Vielmehr gilt, dass im Bewährten und Konventionellen eine grosse Weisheit liegt, die von weiten Teilen der modernen Architektur leichtfertig und aus zweifelhaften Motiven, gerne als Philanthropie deklariert, aufgegeben wurde. Midcomfort meint, dass ausgehend von dem, was sich als bewährt und dauerhaft bewiesen hat, das Neue und Moderne nur nach Bedarf und Möglichkeit wohl dosiert untergemischt werden sollte. Damit skizziert Midcomfort keinen revolutionären, sondern einen reformerischen Weg zum Neuen. In diesem Vermischen von historischen Bezügen und modernem Denken wird eine faszinierende Zugangsweise zur Architektur aufgezeigt. Gerade in den Phasen des Überganges und in den Versuchen bezugsreiche Mischungen zu erzeugen, können die interessantesten, komplexesten und nachhaltigsten Wohnbauten der neueren Architekturgeschichte gefunden werden. Gleichzeitig wird gezeigt, wie jede ins Extreme getriebene Architektur als historische Episode im Wohnungsbau selten längerfristig zu überzeugen vermögen. Getragen von einer gewissen Sorge um die zeitgenössische Architektur des Wohnungsbaus, an deren Nachhaltig- und Dauerhaftigkeit (trotz aller Bemühungen in den technischen Disziplinen) gezweifelt werden muss, wird der Versuch unternommen, einer kaum mehr hinterfragten Moderne und ihrer Modetrends eine dauerhafte, unspektakuläre, regionalistische und von Traditionen geprägte Architektur entgegenzusetzen. Denn in der Geschichte des Wohnungsbaus zeigt sich, dass reformerische Ansätze meist zu längeren Lebenszyklen führten. Somit wird, was auf den ersten Blick konservativ erscheinen mag, zu einer fortschrittlichen und im besten Sinne modernen Haltung.