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Von Steinen lernen heisst siegen lernen: Holm Friebes „Stein-Strategie“


Hier sieht man, wie Holm Friebe in die Küche geht. Und ein Buch auf seinem Sideboard.

Schon im August 2013 erschien das Buch «Die Stein-Strategie. Von der Kunst, nicht zu handeln» des Berliner Publizisten und Dozenten für Designtheorie, Holm Friebe – ein kurzweiliger Text über den Wert des bedächtigen Handelns und des Abwartens, ein Pamphlet gegen Aktionismus und blinden Fortschrittsglauben. Innovation allein, so Friebe, stelle noch keinen Wert dar – obwohl genau das heute oft geglaubt werde. Seine Strategie mündet in die Handlungsanweisung: «Don’t be innovative. Be awesome.» Was, um einen ersten Bogen zur Architektur zu schlagen, an ein Mies van der Rohe zugeschriebenes Diktum erinnert: «Ich möchte nicht interessant sein. Ich möchte gut sein.»

Friebe erklärt und verifiziert seine Strategie anhand einer Vielzahl von Beispielen aus verschiedenen Bereichen – von der Wirtschaft über die Politik bis hin zum Fussball. Aber eben auch im Zusammenhang mit Architektur und Design. Etwa mit dem Verweis auf Lucius Burckhardts Schriften aus den 1970er Jahren oder auf die Kreuzberger Häuserbesetzer der gleichen Zeit, die damals als fortschrittsfeindlich galten, weil sie sich gegen den Abbruch ganzer Häuserzeilen zugunsten einer neuen Stadtautobahn wehrten – so wurden Quartiere erhalten, die heute zu den begehrtesten Wohnlagen der Stadt gehören. Und besonders freut uns natürlich, dass Friebe im Kapitel Graue Energie auch kurz auf Midcomfort eingeht (S.171.ff).

Besonders interessant ist die Stein-Strategie im Zusammenhang mit Midcomfort aber dort, wo Friebe innerhalb seiner Strategieentwicklung, jedoch jenseits architektonischer Überlegungen zu Schlüssen kommt, wie sie auch in Midcomfort formuliert werden. Etwa, wenn er feststellt, dass behutsame Veränderungen und langsames Fortschreiten dazu beitragen können, Fehler so früh zu erkennen, dass sie noch keine verheerenden Schäden anrichten konnten:

Zwar wird der bedächtig Abwartende niemals Lob und Lorbeeren für seine heroische Kühnheit ernten. Er wird häufig nicht das maximale Resultat erzielen. Aber er wird katastrophale Fehlentscheidungen vermeiden, nicht mit fliegenden Fahnen in sein Verderben rennen und im Zweifel länger am Leben bleiben. (Stein-Strategie, S.12) 

Auf die Architektur übertragen: Durch die bedächtige Entwicklung können Fehler erkannt und vermieden werden, bevor sie zu viel Schaden angerichtet und sich auf breiter Front durchgesetzt haben. In der Folge erhöht sich zwar nicht die Qualität von architektonischen Meisterleistungen, aber das Niveau des Durchschnitts. (Midcomfort, S. 42)

Man kann Midcomfort also, zumindest teilweise, als Stein-Strategie der Architektur verstehen oder, wenn man so will, die Stein-Strategie als Midcomfort für den grossen Rest des Lebens. Und weil es ganz offensichtlich schwierig ist, einen Beitrag über die Steinstrategie anders zu illustrieren als mit Steinen, verwenden wir hier zwei Bilder aus der Privatwohnung des Stein-Strategen, die kürzlich im Interview-Magazin Freunde von Freunden erschienen sind und die uns verständlicherweise besonders gefallen haben. 

(Für ausführlichere Besprechungen der Stein-Strategie sei auf die diversen journalistischen Beiträge zum Buch verwiesen, die hier gesammelt sind.)

Holm Friebe: „Die Stein-Strategie. Von der Kunst, nicht zu handeln“. Hanser; 216 Seiten; 14,90 Euro.


Disclosure: Ich wurde darauf hingewiesen, dass es unredlich wäre, nicht zu erwähnen, dass ich mit Holm Friebe befreundet bin. Ich bin also mit Holm Friebe befreundet, habe aber mit der Position des Buches auf seinem Sideboard nichts zu tun.